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Nächtliche Metropole —

Franz Heckendorf, Fascination Lichtermeer Großstdat - München (Detail)
„ Kaum ist das Stadtleben als solches aufgetaucht … da beginnt der Zauber
persönlicher Freiheit (Sperrung im Original) zu wirken …
Es  gibt  da  eine  Art  Leidenschaft , Städter  zu  sein “
Spengler II (1922), Seite 439

hier  baden  Sie  in  ihr

Heckendorf, Franz (Berlin 1888 – München 1962). Faszination Lichtermeer Großstadt. München – Regennasser Stachus (Karlsplatz) mit Sonnenstraße. Linksseits u. a. Kaufhof und südöstliche Schaufront des Justizpalasts. Rechtsseits dominant ein Gebäude mit Erkerturm und denkbarem Café-Schriftzug. Öl auf Hartfaserplatte. Bezeichnet u. r.: F. Heckendorf. (19)55. 70 x 90 cm. Echt Weißgold Antik-Rahmung, deren Schwarzstreifen als Teerspritzer des Asphalts zu sehen sind.

Literatur

Thieme-Becker XVI (1923), 211 f.; Vollmer II (1955), 400; AKL LXX (2011), 513 f.

Kestner-Museum Hannover, Kataloge der Sonderausstellungen XVII, 1918; Joachim Kirchner, Franz Heckendorf, 1919, + Neue Bilder von Franz Heckendorf in Biermann (Hrsg.), Jahrbuch der jungen Kunst 1924, 190 ff.; Cicerone, Jge. 1912-1928, hier insbesondere XVI (1924), 802 f.; Feuer II, 1 (1920/21), 195-202; Franz Heckendorf, Katalog der Sonderausstellung der Galerie Hagemeier, Ffm., 1985; Symphonie in Farbe, Ausstellungskatalog der Kunstfreunde Bergstraße, 1991; Rainer Zimmermann, Expressiver Realismus / Malerei der verschollenen Generation, 1994, 384.

Gisela Hauss (Hrsg.), Migration, Flucht und Exil im Spiegel der Sozialen Arbeit, 2010, 192 f.; Winfried Meyer, NS-Justiz gegen Judenhelfer: „Vernichtung durch Arbeit“ statt Todesstrafe. Das Urteil des Sondergerichts Freiburg i. Br. gegen den Berliner Maler Franz Heckendorf und seine Vollstreckung. In: Wolfgang Benz (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung XIX, 2010, 331-362.

Die  ganze  Vitalität  ewig  junger  Kunst —

hier  springt  sie  Sie  an .

Unverwechselbar alles beinhaltend, alles wiedergebend, was von frühester bis in die gegenwärtige Literatur so atemlos wie der Duktus seiner Palette selbst an letzterer qualifiziert worden ist. Hier denn

„ … aus der Schaffensperiode Heckendorfs, in dem der Maler

Franz Heckendorf, Fascination Lichtermeer Großstadt - München (Signatur)

noch  einmal  einen  Höhepunkt  seiner  Meisterschaft

zu verzeichnen hatte, wohl auch als Nachholbedarf nach dem Vakuum des Hitlerregimes  “

(Horst Ludwig im Katalog Hagemeier).

Und eben mit Arbeiten punktete – neben anstehender etwa auch hiesige wohl gleichfalls der Spätzeit entstammende Löwin schlägt ein Wildschwein in der Oase nach dem Frans Snyders in München – die schlagartig A. Cacace’s (AKL)

„ Nach dem 2. WK sind Duktus und Farbe zurückgenommen, an die Stelle expressionistischer Nervosität tritt ein ausgewogen und ruhig durchkomponierter Bildraum “

konterkarieren und die unerlahmte Pranke des expressionistischen Altmeisters in Szene setzen. Denn

„ ‚alles optisch Wahrnehmbare zu vergeistigen und in die Sphäre des visionär Geschauten zu übersetzen‘; das bedeutete die

Erfüllung  des  Programms

des  modernen  Expressionismus ,

zu  dessen  überzeugendsten  Verkündern  H.  zählt …

„ Schüler der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums und der Akad., im wesentlichen aber Autodidakt (gleich den Altersgenossen Heckel + E. L. Kirchner und wie diese ausgehend vom Impressionismus). Einer der begabtesten Vertreter der jungen deutschen Künstlergeneration, dessen persönliche Note in seinen

von  ungeheurer  Dynamik  des  malerischen  Vortrages

erfüllten und starker Innerlichkeit der Empfindung getragenen Landschaften bisher ihren reifsten Ausdruck gefunden hat. Als 20jähriger bereits stellte er (1909) in der Berl. Sezession 2 Straßenbilder aus, die noch unter dem Eindruck der impressionist. Malweise standen …

Einen harten, aber sehr ausdrucksvollen Kontur zu der zeichnerischen Grundlage seiner Kompositionen machend, bringt er durch eine sprunghaft unvermittelte Nebeneinandersetzung seiner oft bis zur Rohheit kräftigen, leuchtenden Lokalfarben, die sich ebenso bewußt von jeder naturalistischen Wiedergabe trennen wie seine Linienführung, einen

vehement  gesteigerten  Natureindruck

hervor. Die Bewegungssuggestion, die von seinen Landschaften,

Franz Heckendorf, Fascination Lichtermeer Großstadt - München (Detail links)Franz Heckendorf, Fascination Lichtermeer Großstadt - München (Detail rechts)

über  die  es  wie  Wetterleuchten  zuckt ,

ausgeht,

resultiert  aus  der  dröhnenden  Wucht  ihrer  malerischen  Faktur ,

in der viel weniger eine äußerlich erregte Stimmung der betreffenden Natursituation als die innere Erregung des schaffenden Künstlers zum Ausdruck kommt …

In allen Techniken gerecht und ein ungemein leicht produzierendes Talent … pflegt H(eckendorf) neben der Ölmalerei das Pastell, Aquarell und die Lithographie … “

So Hans Vollmer 1923 in Thieme-Becker zu den frühen Triumphen. Und 60 Jahre später wiederum Horst Ludwig, an Hand einer 1958er Südliche(n) Landschaft mit Segelbooten von der „Tendenz der überhöhten Natur“ sprechend :

„ Hier wird auch (unverändert) der Anspruch erkennbar, der schon 1906 im Programm der Brücke Künstler ausgesprochen wurde, unverfälscht und unvermittelt das wiederzugeben, was den Künstler zu schaffen drängt, nämlich die eigene Vision, die sich zuvor mit der Landschaft selbst verbindet, ohne ihr freilich imitativ zu folgen.

Überblickt man Heckendorfs Schaffen aus mehreren Jahrzehnten, so fällt die Heftigkeit auf, mit welcher er von der Kunst der Jahrhundertwende ausgehend, seine eigene Bildsprache schuf und … beibehielt … Für Heckendorf blieb der Gegenstand stets vorrangig, allerdings formal überhöht und koloristisch verfremdet. “

Bei charakteristischem Aus-sich-heraus-Leuchten als seinerseitiger Widerspiegelung des, eben, „visionär Geschauten“. So denn auch – Kirchner nahezu wörtlich übernehmend – treffendst auf den Punkt gebracht von Rainer Zimmermann im Katalog der Kunstfreunde Bergstraße:

„ Der Vergeistigungsprozess, den der Künstler durch die Farbe aber auch durch Rhythmus und Linie hervorbringt, ist wohl am leichtesten in seinen Landschaften zu erkennen.

In  der  Wahl  der  Farben  findet  die  ganze  leidenschaftliche  Verve

seines  übersprudelnden  Temperamentes  ihre  höchste  Befriedigung .

Visionäre  Lichteffekte  vervollständigen  den  Reiz .

Franz Heckendorf, Fascination Lichtermeer Großstadt - München

Seine  Farben  glühen , zucken  und  blitzen

oder sind voll dunkler Schwermut “

(a. a. O., Seite 11; Sperrung + Zentrierung nicht im Original).

Und sah Joachim Kirchner 1919 (a. a. O., Seite 6) Heckendorf’s Schaffen noch eher von der Linie bestimmt, so schon 1924 (a. a. O., Seite 194)

„ wie sehr Heckendorfs ganze Natur nach einer koloristischen Sättigung im Bilde drängt, und wie alles, was er malt, nur noch von dem einen Gefühl durchdrungen ist:

in  der  Farbe  allein  ganz  sich  selbst  zu  geben .

Man kann nicht sagen, daß der Künstler mit dieser Verlegung des Schwerpunktes von der Linie zur Farbe nunmehr als ein völlig neuer und anderer vor uns stünde … Die Ausdrucksintensität der Persönlichkeit hat mit dieser Wandlung nichts verloren, nur ihre Auswirkungsbasis hat sich verschoben.

Der  Kraft  des  linearen  Sehens

ist  die  Kraft  koloristischer  Wirkungen  gefolgt .“

Des Pudels Kern treffend auch mit dem von Mela Escherich vom Jawlensky-Sohn Andrej gezogenen résumé :

„ Es ist keine vorgreifende Übertreibung, zu sagen, daß es nicht viele Maler gibt, die so in der Farbe zu Hause sind, wie Nesnakomoff-Jawlensky, nicht viele, bei denen wir die malerischen Mittel so als Selbstverständliches, als allein Zulässiges für den Ausdruck empfinden.

Die Farbe … wird Sprache … “

(Mela Escherich, Andre Nesnakomoff-Jawlensky, in Jahrbuch der jungen Kunst (V) 1924, Seite 113; Zentrierung + Sperrung nicht im Original).

Und blieb es bis zuletzt. Ungebrochen über dunkle Jahre hinweg, während derer er verfemt war wie seinesgleichen, gleich zu Anfang belegt mit Ausstellungsverbot, gefolgt 1937 von Entfernung/Verkauf/Verbrennung der in der Nationalgalerie und in Berliner Staatsbesitz befindlichen Arbeiten, 1940 dem Ausschluß aus der Reichskammer der Bildenden Künste und 1943 schließlich von noch ganz anderer, zutiefst persönlicher Härte, gewachsen letztlich aus dem Sternzeichen des Skorpions Heckendorf :

„ Ein weiteres rettendes Netzwerk der Fluchthilfe entstand um den Kunstmaler und Galeristen Franz Heckendorf … in Berlin. Er hatte viele jüdische Bekannte, denen er immer wieder nahe legte, Deutschland zu verlassen … Es wurden falsche Kennkarten hergestellt und Fluchtwege (in die Schweiz) ausgearbeitet … (und) als Spaziergänger getarnt (erprobt) … Die ersten Flüchtlinge waren Kurt und Hilda Schüler aus Berlin. Schätzungsweise folgten weitere 20 bis 80 Personen … Im Februar 1943 flog dieses Fluchthilfenetz auf, nachdem Heckendorf … (vermutlich) eine Falle gestellt (worden war). Vom Sondergericht Freiburg (Brsg.) wurden vier der Fluchthelfer zu hohen Zuchthaus- und Geldstrafen verurteilt … “

(Hauss, a. a. O.).

Heckendorf erhielt mit 10 Jahren die Höchststrafe, mit denen ein offensichtlich wohlwollendes Gericht, die eigentlich Verantwortlichen in ausländischen jüdischen Drahtziehern sehend, die vom Staatsanwalt geforderte Todesstrafe durchkreuzte. Wie denn auch im Verlauf der Kerkerstationen gute Menschen, nicht selbsternannte „Gutmenschen“, beistanden, drohten die körperlichen Kräfte zuschanden zu gehen. Ganz zum Schluß schließlich noch KZ Mauthausen.

Den Weg zurück ebneten Professur an der Wiener Akademie und Lehrtätigkeit in Salzburg. Ab 1950 dann Münchener Seßhaftigkeit. Und hinterlassend ein Œuvre, in dem, wenn auch noch nicht wieder ex cathedra, dem Kenner unverändert winkt, was 90 Jahre früher Gewißheit war :

„ Die führende Rolle, die (Heckendorf) schon beim Beginn seiner Laufbahn unter den gleichalterigen Kollegen einnahm, ist ihm verblieben, und es bedeutet wohl eine allgemeine Anerkennung seines Könnens, wenn er in diesem Jahre

zusammen  mit  den  bedeutendsten  Namen  der  deutschen  Malerwelt

auf der internationalen Kunstausstellung in Rom mit mehreren Arbeiten vertreten sein durfte “

(Joachim Kirchner in Jahrbuch der jungen Kunst 1924, Seite 190).

Wofür anstehendes Bild der Spätzeit in seinem pastosen Farbauftrag Kronzeuge ist. Gesehen sein will in seiner Glut. Im Halbdunkel als die nun schläfrig werdende Stadt. Und im schalen Morgenlicht als verkaterte Stimmung einer durchglühten Nacht. Doch immer gleich funkelnden Katzenaugen.

„ Immer mehr trat bei Heckendorf das Bedürfnis nach leuchtkräftigen, farbigen Wirkungen hervor. So sehr seine Palette von Anfang an das koloristische Element als etwas Wesentliches der neuen Kunst empfand, so hatte er hier doch nie das Letzte,

die  Farbe  in  ihrer  höchsten  Leuchtkraft ,

auszudrücken vermocht. Mit allmählicher Vernachlässigung der stilisierenden Linie trat das Merkwürdige ein: Das koloristische Moment wurde zur Hauptsache ,

breitete  sich  in  unendlich  mannigfachen , jubelnden  Klängen

über die gesamte Bildfläche aus … “

(Kirchner, 1924, Seite 193). Solchermaßen hier und heute denn

ein  wundervoller  Heckendorf ,

Franz Heckendorf, Fascination Lichtermeer Großstadt - München (Detail Mitte)

pulsbeschleunigend , erlebenszuckend .

Und in seinem Funkeln an goldenes niederländisches Jahrhundert erinnernd. Etwa an den Hals-Sohn Claes (Nicolaes; Haarlem 1628 – 1686) aus dem Jacob van Ruisdael-Kreis, von letzterem selbst und dem mit heranzuziehenden Haarlemer Jan Vermeer I er sich in seinen seltenen Dünenlandschaften und Ansichten Haarlem’s gleichwohl

„ durch eine besondere, wirkungsvolle Beleuchtung, mit starken Kontrasten leichter Sandstellen und dunkler Bodenpflanzen und Bäume (unterscheidet). Ein Beispiel davon bildet sein Hauptwerk Ansicht von Haarlem … in der auch

die  flitzenden  Reflexlichter

auf  den  Blättern  und  auf  den  Giebeln  und  Dächern  der  Stadt

in der Ferne sehr charakteristisch sind “

(Laurens J. Bol, Holländische Maler des 17. Jahrhunderts – Nahe den großen Meistern, 1969, Seiten 219 f. nebst Abbildung 213 als in ndrländ. Privatsammlung).

Siehe zu diesem Bild auch Willem Martin, De Hollandsche Schilderkunst in de zeventiende Eeuw, Bd. I, Frans Hals en zijn Tijd, 1935, Seiten 382 f. nebst Abbildung 229, mit den Worten

„ (Claes Hals erscheint uns als der talentierteste der Hals-Söhne. Als Genremaler lernten wir ihn im … Lesenden Mädchen des Mauritshuis kennen … Das sympathische Stück zeugt von Talent, steht aber nicht höher als das Mittelmaß der Genrestücke, die um 1650 in Haarlem gemacht wurden. Viel besser, zuweilen sogar außerordentlich, sind Claes’ Landschaften, worin er sich als sehr fähiger Künstler des Ruisdaelkreises erweist … Wir bilden hier

sein  Meisterstück  ab , eine  besonders  schöne  Ansicht  von  Haarlem.) “

Ob und inwieweit Heckendorf bei seinem „Studium der alten Meister in den Museen“ (Horst Ludwig) solchen auch im niederländischen 17. Jahrhundert eher seltenen flitzenden Reflexlichtern anregend begegnet ist, muß hiesigerseits dahingestellt bleiben. Claes’ Haarlemer Paradebeispiel hierfür dürfte ihm zumindest im Original eher unbekannt geblieben sein als 1935 in Privatbesitz und wohl erst Ende der 1960er im Kunsthandel – so Bernt, 1969, mit Abb. 471 + „stark aufblitzende Lichtreflexe“ – befindlich.

Zustandsmäßig adäquat tadellos, von rahmungsbedinten ganz geringen Schabspuren an den Außenkanten abgesehen. Der Rahmen indes mit einer aufs Holz durchgehenden bräunlichen Beklecksung von 4,5 x 6,5 cm links unten und an den Leisten generell auch mit vereinzelten sonstigen Kleinläsuren. – Rückseits von anderer Hand in Bleistift-Versalien :

PROF. FRANZ HECKENDORF BERLIN

DIE SONNENSTRASSE UND STACHUS

IN MÜNCHEN

1955

Angebots-Nr. 29.076 / Preis auf Anfrage

125 Jahre - 1888-2013